Selbstverteidigung Studentin schlägt zu

Studentin schlägt Angreifer auf die Nase

Tatort Bielefelder Fußgängerbrücke / Experten loben 24-Jährige

VON JENS REICHENBACH

Bielefeld. Eine Gruppe junger Krimineller hat sich offenbar den abgeschotteten Fußweg zwischen Ishara und Forum in Bielefeld, der auf einer Fußgängerbrücke über den Ostwestfalendamm führt, für nächtliche Raubzüge und Angriffe ausgewählt. Tatsächlich meldete die Polizei bereits Körperverletzungen und Raubtaten in dem Bereich. Die 24-jährige Sportstudentin Claudia sah sich mit ihrer Freundin gleich zehn wütend pöbelnden Typen gegenüber. Dann schlug sie zu und erhielt dafür Lob von der Polizei.

„Die haben meine Freundin vom Rad gestoßen und mich geschubst, angepöbelt und angespuckt“, erinnert sie sich an die Nacht auf Sonntag, 6. November. Nach einer langen Diskonacht waren die Frauen zwischen 4 und 5 Uhr über die Fußgängerbrücke vom Ishara zur Schmiedestraße geradelt. Plötzlich stoppten sie zehn junge Männer, stießen sie vom Rad, beleidigten sie unaufhörlich.

„Ich habe ein wenig Kampfsporterfahrung und einem von ihnen auf die Nase geboxt.“ Der rastete zwar danach komplett aus, aber seine Komplizen hielten ihn zurück. „Meine Freundin hat mich dann rausgezogen und wir sind weg.“

„Die waren zu zehnt – saugefährlich“

Die Polizei lobte Claudia ausdrücklich für ihre Gegenwehr, als sie den Vorfall meldete. Wegen der Bande an der Brücke habe die Polizei allerdings schon Bescheid gewusst, so die Studentin. „Es hatten sich bereits einige Anrufer gemeldet, weil die ihnen Geld und Handys geraubt hatten. Ich verstehe nicht, warum die nicht längst dort verscheucht worden sind.“

Ihr Nasenboxer hätte schließlich auch böse enden können: „Die waren zu zehnt, wir nur zu zweit – saugefährlich“, zweifelt sie heute noch an ihrer Aktion. Selbstverteidigungsexperte Tobias Hippe vom Polizeisportverein wischt ihre Zweifel weg: „Solche Täter sind im Alltag meist arme Würstchen, die in Job und Familie nichts zu sagen haben.“ Bei solchen Übergriffen gehe es ihnen um Machtausübung.

„Sobald sich das vermeintliche Opfer wehrt und dem Täter keine Macht zugesteht, verfällt er in seine alte Rolle.“ Es müsse natürlich nicht sofort ein Angriff sein, so der Leiter von Frauen-Selbstverteidigungskursen. Die meisten ließen von ihren Opfern ab, sobald die sich wie eine Furie gebärdeten. Um sich so aber verhalten zu können, brauche es Überwindung und Übung.

Selbstverteidigung für Frauen

„Ich hatte Angst, dass er mich zusammenschlägt“

Petra Zajkiewicz (54) hat das geübt. Vor Jahren war sie äußerst aggressiv von einem Mann an der Bushaltestelle angegangen worden: „Ich hatte Angst, dass er mich zusammenschlägt, aber keiner der Wartenden hat damals reagiert.“ Für die Heeperin war es der Auslöser, einen Selbstverteidigungskurs zu absolvieren: „Das hat mir wahnsinnig geholfen. Wenn mir heute drei Jungs auf dem Bürgersteig entgegenkommen, weiche ich nicht aus. Ich mache deutlich, dass ich mich wehren werde.“

Hippe bestätigt: Die Schwerpunkte seiner Kurse seien Prävention und Selbstbehauptung. „Es geht dabei gar nicht so sehr, um Tritttechniken und Befreiungsgriffe.“ Alles beginne mit der eigenen Wirkung. Denn typische Opfer seien sichtbar schüchtern. Wer unsicher lächele und eine unterwürfige Körpersprache zeige, erreiche betrunkene Typen in Kneipe oder Disko nicht mehr verbal. Das ausgesprochene „Nein“ komme dann nicht mehr beim Gegenüber an.

„Wer aber dem Gegenüber sicher in die Augen blickt, die Stimme im Griff hat und nicht lächelt, hat beste Chancen, schon in Ruhe gelassen zu werden, bevor es brenzlig werden kann.“
Claudias Erfahrung bestätigt das: Sie ist laut geworden, hat zugeschlagen und damit eine ganze Bande von Möchtegern-Gangstern beeindruckt.

Kommentar: „Idealer Ort für Überfälle“

Der Überfall an der Fußgängerbrücke zwischen Boulevard und Forum ist kein Einzelfall. Die Brücke, wo Opfer kaum ausweichen können, und der Fußweg zum Forum, der durch Lärmschutzwände vor Blicken anderer geschützt ist, scheinen ideal für Kriminelle.Erst am vergangenen Mittwoch meldete die Polizei, wie ein Trio einen 29-jährigen Passanten hinter der Brücke grundlos niedergeschlagen hat. Die Täter flüchteten in Richtung Forum. Im Februar hatte ebenfalls ein Schlägertrio zwei Forum-Besucher auf dem Weg hinter der Lärmschutzwand zusammengeschlagen und ausgeraubt. Sportstudentin Claudia wurde auch nicht nur ein Mal bedrängt: „Mich wollte mal einer ins Gebüsch ziehen. Ich bin davongelaufen“

Ein Freund von ihr ist vor zwei Jahren auf der Brücke zusammengeschlagen worden. Polizeisprecher Martin Schultz: „Dort scheint sich nachts eine bestimmte Klientel herumzutreiben.“ Das gehöre zum üblichen Geschehen am Boulevard. Ein neuer Tatschwerpunkt sei sicherlich nicht entstanden. (jr)

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VON JENS REICHENBACH
FOTO: ANDREAS FRÜCHT
erschienen am 07.05.2009