Frauen-Selbstverteidigung 2009

„Nicht in Opferrolle geraten“

Selbstverteidigungs- und Behauptungskursus des Polizeisport-Vereins für Frauen

VON SIMON BLOMEIER

Bielefeld. Sonja Ramlow tritt und schlägt auf einen Mann ein. Sie schreit: „Hau ab“, „Lass mich in Ruhe“. Doch der Angreifer lässt sich nicht abschütteln und bedroht sie. Ramlow wehrt sich weiter mit Händen, Füßen und ihrer Stimme. Die Situation ist zum Glück kein Ernstfall. Die 23-Jährige nimmt an einem Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskursus des Polizei-Sportvereins (PSV) teil.

Der Angreifer heißt André Schell. Er ist Kickboxer beim PSV und schlüpft während des Kurses in die Rolle des sogenannten „schwarzen Mannes“. Schwarz, weil von seinem Körper nicht mehr viel zu sehen ist, nachdem er einen Vollkontakt-Schutzanzug angelegt hat. Vom Schienbein über die Genitalien, den Oberkörper und die Arme bis zum Gesicht ist Schell geschützt. So können die am Kurs teilnehmenden Frauen richtig zuschlagen. Wie im Ernstfall. Sie testen, wie viel Kraft sie im Notfall aufbringen können und lernen so, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen. „Es ist wichtig, dabei an seine Grenzen zu kommen“, erklärt Ralf Elbrächter von der Ju-Jutsu und Kickbox-Abteilung des PSV.

Die Frauen haben sich über das Internet angemeldet. Der Kurs geht über zehn Termine. Bevor der Ernstfall mit dem Angreifer im Schutzanzug geübt wird, lernen sie, wie diese Situation vermieden werden kann. „Eine selbstbewusste körperliche Ausstrahlung ist entscheidend, um nicht in eine Opferrolle zu geraten“, sagt Elbrächter. Lautes Rufen verschrecke viele Angreifer. Der typische Tätertyp, wie etwa ein Sexualstraftäter, habe wenig Selbstbewusstsein, berichtet der Trainer. „Bei selbstbewusstem Auftreten kann ein Angriff in den meisten Fällen abgewehrt werden.“

Wenn aber nichts mehr hilft, muss man sich gegen Angreifer auch körperlich wehren. „Wir bringen den Frauen leicht erlernbare Selbstverteidigungs-Techniken bei“, erklärt Elbrächter. Und im Trainings-Kampf gegen den „schwarzen Mann“ wird es ernst: Schell lässt auch bei heftigen Tritten und Schlägen der Damen nicht von ihnen ab. Er hebt sie hoch, umklammert sie, wirft sie auf den Boden und legt sich auf sie. Tobias Hippe, stellvertretender Abteilungsleiter für Ju-Jutsu und Kickboxen beim PSV begleitet die Kämpfe auf der Matte. „Lass Dir nichts gefallen“, ruft er den angegriffenen Teilnehmerinnen zu. Und: „Jetzt nochmal mit dem Knie.“Auch die Frauen unterstützen sich gegenseitig und feuern sich an. Für viele ist die Situation emotional, auch wenn es nur eine Übung ist. Sie gehen an ihre Grenzen. „Ich habe instinktiv reagiert“, sagt Sonja Ramlow, die im Jugendamt arbeitet und sich wegen ihres Jobs beim Kurs angemeldet hat. Es kann ja immer mal etwas passieren, sagt sie. „Ich habe richtig zugeschlagen und dabei gemerkt, wie viel Kraft ich eigentlich habe.“ Die 23-Jährige hat Wut, aber auch Hilflosigkeit gefühlt. „Am Ende macht man sich schon Gedanken, wie es im Ernstfall gewesen wäre.“ Ralf Elbrächter erklärt, dass bei den Übungen auch persönliche Erfahrungen hochkommen.Ramlow nimmt, wie die meisten, präventiv teil. Sie war zum Glück noch in keiner bedrohlichen Situation. Durch den Kurs sind die Frauen nun darauf vorbereitet. „Ich wüsste jetzt, wie ich mich im Ernstfall verhalten würde“, sagt Ramlow. Und Elbrächter weiß: „Das Training steigert sowohl das Selbstwertgefühl als auch das Selbstbewusstsein“.
Dokumenten Information
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Copyright © Neue Westfälische 2013
erschienen am 07.05.2009

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